Kurzstarter

Inhalt

1. Kriterium für einen Kurzstarter 
1.1 Das Kriterium nach Otto E. Papst 
1.2 Die Ermittlung des Kr-Wertes 
1.2.1 Antriebe bei geschätztem cA-Wert  
1.2.2 Propellerantrieb bei bekannter Mindestgeschwindigkeit 
1.2.3 Propellerantrieb bei bekannter Landegeschwindigkeit 
1.2.4 Strahlantrieb bei bekannter Landegeschwindigkeit 
1.3 Ergebnisse 
1.4 Beurteilung 
1.5 Fazit 
2. Verhältnis von Startrollstrecke zu Startstrecke und von Landerollstrecke zu Landestrecke 
2.1 Verhältnis von Startrollstrecke zu Startstrecke 
2.2 Verhältnis von Landerollstrecke zu Landestrecke 
3. Rückstromklappen 
4. Bewertungsindex für Flugzeuge 
4.1 Leistungsindex IP
4.2 Ökonomischer Index IE 
4.3 Zuladungsindex IL 
4.4 Vergleich 
4.5 Bewertung 

1. Kriterium für einen Kurzstarter

In der Beurteilung des Kriteriums "Kurzstarter", auch STOL-Flugzeug (Short Take Off And Landing) genannt, soll die Konstruktion bzw. Konzeption eines Flugzeuges betrachtet werden. Dabei ist der letztlich entscheidende Wert der Startrollstrecke (und Landerollstrecke) nicht alleine das Maß zu dessen Beurteilung. Vielmehr sollen auch Rahmenbedingungen wie Fluggewicht, Geschwindigkeit sowie Tragflügelfläche Berücksichtigung finden. Auf diese Weise zeigen sich die Bemühungen der Konstrukteure, die Startrollstrecke auch unter Bedingungen zu reduzieren, die dem Ziel einer kurzen Startrollstrecke auslegungsseitig entgegenstehen.
Leichte Sportflugzeuge wie etwa eine Cessna C 172 benötigen Startrollstrecken von etwa 300 m und sind gewiss nicht als Kurzstarter zu bezeichnen. Dahingegen ist beispielsweise der Jagdbomber Panavia Tornado mit einer Startrollstrecke von weniger als 900 m durchaus als Kurzstarter zu bezeichnen, wenn gleichzeitig seine große Geschwindigkeitsspanne, seine hohe Flugmasse von bis zu 28 t, die verhältnismäßig kleine Flügelfläche von weniger als 30 m² und die dabei vergleichsweise geringe Schubleistung betrachtet werden. Ein Vergleich mit anderen Jagdflugzeugen bestätigt dies.

Kurzstartfähigkeit ist bei gegebenem Schubkraft-/ Gewichtsverhältnis nur durch große Flügel und/oder mit Hochauftriebshilfen erreichbar, etwa mit der Kombination aus Vorflügeln und Endklappen, die die Aufgabe der Flächen- sowie der Wölbungsvergrößerung haben. Man beachte sowohl die Vorflügel als auch die Landeklappen, die sich bei dem Tornado über die gesamte Flügelspannweite erstrecken.


1.1 Das Kriterium nach Otto E. Pabst

Es bietet sich an, dem Kriterium eines Kurzstarters einen dimensionslosen Wert zuzuweisen, wie es Otto E. Pabst („Kurzstarter und Senkrechtstarter“, Bernard & Graefe Verlag 1984) vorsieht. Hierbei muss unterschieden werden zwischen Propellerflugzeugen und Strahlflugzeugen, da deren Schubeffizienz in allen Phasen des Startvorgangs konstruktionsbedingt stark voneinander abweichen. Der Propeller ist dabei im Stand und bei geringen Geschwindigkeiten wesentlich wirkungsvoller als der Strahlantrieb, welcher erst bei höheren Geschwindigkeiten seine hohe Gasaustrittsgeschwindigkeit mit besserem Wirkungsgrad in Schub umsetzen kann.
Für beide Antriebsarten soll nach Pabst von einem Kurzstarter erst gesprochen werden, wenn der Wert Kr kleiner als Eins ist. Für Propellerflugzeuge ergibt sich daraus in etwa ein Startrollweg von unter 111 m, wobei wieder darauf hingewiesen werden muss, dass dieser Wert je nach Rahmenbedingungen nicht zwingend ist. Für Strahlflugzeuge ergibt sich bei Kr < 1 eine Startrollstrecke von unter 428 m mit gleichen Einschränkungen.


1.2 Die Ermittlung des Kr-Wertes

Otto E. Pabst entwickelte Berechnungsformeln, in denen bestimmte Konstanten verwendet werden. Sie entstanden aus dem Mittel all seiner konkreten Beobachtungen, sind also empirisch ermittelt.
Während für Propeller- und Strahlantriebe verschiedene Faktoren angesetzt werden, wird für den Propellerantrieb weiter zwischen einem Berechnungsweg mit der bekannten Mindestgeschwindigkeit (Abreißgeschwindigkeit) und einem mit der bekannten Landegeschwindigkeit unterschieden. Das soll die Verwendung von Daten verschiedener Quellen ermöglichen.

Es finden folgende Größen und deren Einheiten Verwendung:

 Luftdichte (bei 1013 hPa und 15°C) d 1,225 kg/m³
 Geschwindigkeit v m/s
 Erdbeschleunigung g 9,81 m/s²
 Schubkraft N Newton
 Antriebsleistung P kW
 Flügelfläche A m²
 Flugzeugmasse m kg
 Rollstrecke d m
 Auftriebsbeiwert cA -

1.2.1 Antriebe bei geschätztem cA-Wert

Wurde der maximale Auftriebsbeiwert geschätzt, etwa aus Flügelprofil, -Geometrie und -Flächenangaben oder aus Gewichtsverhältnissen, wird für den Startauftriebsbeiwert generell 85 % des maximalen Landeauftriebsbeiwertes angenommen.

1.2.2 Propellerantrieb bei bekannter Mindestgeschwindigkeit

Zunächst wird der Auftriebsbeiwert bei vorgegebener Mindestgeschwindigkeit ermittelt:

cAvmin = 2 × g × m / (d × vmin² × A)

Nach Abzug von 10 % (Faktor 0,1) dafür, dass im Falle des Starts der Propeller läuft und er auf Grund seiner aerodynamischen Beeinflussung an Rumpf- und Flügel einen zusätzlichen Beitrag zum Auftrieb leistet sowie weiteren 15 % (Faktor 0,85) dafür, dass die Klappenausschläge kleiner sind als im Falle der  Landekonfiguration ergibt sich der Auftriebsbeiwert in Startkonfiguration zu:

cAStart = (
cAvmincAvmin × 0,1) × 0,85

Daraus errechnet sich der Kr-Wert:

Kr = m² / (272 × cAStart × A × P)


1.2.3 Propellerantrieb bei bekannter Landegeschwindigkeit

Entsprechend wird der Auftriebsbeiwert mit der Landegeschwindigkeit ermittelt:

cAVLande = 2 × g × m / (d × vLande² × A)

Hier werden dem Landeauftriebsbeiwert 15 % (Faktor 0,85) abgezogen, um für den Startfall eine entsprechend geringere Auftriebsdynamik (Anstellwinkel) zu berücksichtigen. Der laufende Propeller wird aus o.g. Gründen hier mit 5 % (Faktor 0,95) Auftriebserhöhung bedacht. Von dem verbleibenden Wert werden noch einmal 15 % (Faktor 0,85) abgezogen. Damit ergibt sich der Auftriebsbeiwert in Startkonfiguration:

cAStart = (cAVLande – (cAVLande × 0,15) – (cAVLande × 0,05)) × 0,85

Kr ist dann wie zuvor:

Kr = m² / (272 × cAStart× A × P)


1.2.4 Strahlantrieb bei bekannter Landegeschwindigkeit

Wie in Abschnitt 1.2.3 wird der Auftriebsbeiwert mit der Landegeschwindigkeit ermittelt:

cAVLande = 2 × g × m / (d × vLande² × A)

Hier kommen Abzüge zur Anwendung aus den gleichen Gründen wie in 1.2.2, jedoch mit dem Faktor 0,15 statt 0,1. Der Grund für diese Differenz ist, dass der Schubstrahl eines Düsentriebwerkes üblicherweise nicht Flügel oder Rumpfpartien aerodynamisch beeinflusst und dadurch wie ein Propeller für zusätzlichen Auftrieb sorgt. Vielmehr tritt der Strahl hinter dem Flügel ins Freie aus.

cAStart = (cAVLandecAVLande × 0,15) × 0,85

Kr ist dann

Kr = m² / (52,3 × cAvStart × A × N)

Ferner lässt sich die Startrollstrecke rechnerisch ermitteln mit

D [m] = m² × g² / (d × g × cAvStart × A × (N – 0,1 × m × g))


1.3 Ergebnisse

Die Tabellen, getrennt nach Propeller- und Strahlantrieb, geben die Ergebnisse einiger Berechnungen wieder. Für die Flugmassen wurde hier die maximale Startmasse zu Grunde gelegt.  Im Falle der strahlangetriebenen Flugzeuge differieren die errechneten und die angegebenen Startrollstrecken z.T. erheblich, was auch die cA-Werte in Frage stellt. Die Ursache hierfür ist auch darin zu suchen, dass die Angaben für die Landegeschwindigkeiten z.B. aus Flughandbüchern entnommen sind, in denen nicht die geringst mögliche Landegeschwindigkeit Überziehgeschwindigkeit), sondern die zu Gunsten der Sicherheit etwa mit dem Faktor 1,3 erhöhte Anfluggeschwindigkeit angegeben wird. Ferner wird bei Angaben zur Landegeschwindigkeit nicht ausreichend genau spezifiziert, für welches Fluggewicht die Angabe gilt. Korrekterweise sollte sich diese Angabe auf das maximal zulässige Landegewicht beziehen.

Erhebliche Abweichungen entstehen auch, wenn sich die Angaben auf unterschiedliche Temperaturen und Luftdrücke (Startbahnhöhen) beziehen. So sind beispielsweise trotz der angegebenen Rollstrecke für die Boeing B707 von 3.048 m bei hohen Temperaturen und hochgelegenen Startplätzen leicht Rollstrecken vergleichbar denen des errechnetenWertes von knapp 4.000 m realistisch.
Noch einmal erwähnt werden soll, dass in o.g. Formeln empirisch ermittelte Faktoren eingesetzt wurden. Sie wurden etwa in den 50iger und 60iger Jahren ermittelt, während sich die Flugzeuge in ihrer Charakteristik und Leistungsfähigkeit bis heute geändert haben.

Tabelle 1.3.1: Propellerantrieb bei bekannter Mindestgeschwindigkeit

Typvmin [km/h]MTOW [kgA   [m²]P [kW]cA,vmincAStartKr

Startrollstr. Angabe  [m]

Fi 156 Storch511320 26,00 176 4,05 3,10 0,45 75
Maule M-5 23556 1135 14,68 173 5,12 3,91 0,4835
Do 27 A160 1570 19,40 200 4,67 3,57 0,65 97 
PA 18 Super Cub69 787 16,58 110 2,07 1,58 0,79 61 
PC-6 Turbo Porter81 2200 28,80 405 2,42 1,85 0,83 110 
BN-2B-26 Islander74 2994 30,19 382 3,76 2,88 0,99 189 
DA20-A1 (100PS)68 750 11,61 74 2,90 2,22 1,09 326 
Do 28 D283 4015 29,50 566 4,10 3,14 1,13 280 
R2160 Alpha Sport85 800 13,00 118 1,77 1,35 1,13 230 
DA20-A1 (80PS)68 730 11,61 59 2,82 2,16 1,32 341 
PA-28-181 Archer84 1156 15,79 134 2,15 1,65 1,41 346 
Cessna C-17287 1043 16,20 118 1,77 1,35 1,55 264 
Grob G115E96 990 12,21 134 1,83 1,40 1,58 250 
DHC-6 Twin Otter107 5625 39,02 912 2,61 2,00 1,63 269 
PC 12/45119 4500 25,80 895 2,56 1,96 1,65 311 
Extra 500106 2130 14,50 330 2,71 2,08 1,68450 
TB20 Trinidad100 1400 11,90 184 2,44 1,87 1,76 364 
Do 328-110135 13640 40,00 3205 3,88 2,97 1,80 836 
Do 228-200124 5700 32,00 1052 2,40 1,84 1,93 526 
B200 Super King Air139 5670 28,18 1250 2,16 1,65 2,03 592 
DA42 TDI104 1700 16,46 1981,98 1,52 2,15 350 
TBM700121 3354 18,00 515 2,64 2,02 2,21 590 
C-441 Conquest141 4466 23,56 920 1,98 1,51 2,23 422 
Beech Duke B60135 3073 19,78 560 1,77 1,35 2,32 503 
Saab 2000182 22800 55,74 6692 2,56 1,96 2,61 1290 
CASA CN 235-100156 15082 59,10 2750 2,18 1,67 3,69660 

Tabelle 1.3.2: Propellerantrieb bei bekannter Landegeschwindigkeit

TypvLande [km/h] MTOW [kg] A [m²] P [kW] cA,vAnflug cAStart Kr Startrollstr. Angabe [m] 
Ju-52100 6665 111,50 1456 1,240,84 1,19 340 
Stemme S1070 850  18,7070 1,93 1,31 1,55 300 
DC-3126 11000  91,621789 1,57 1,07 2,54  
Saab 340160 12020 41,82 2430 2,33 1,58 3,30 1219 
Antonow An-12170 61000 121,70 12500 3,60 2,45 3,67 650 
Dash 8-Q200180 15650 54,35 3162 1,84 1,25 4,18 995 
DC-6B200 37700 135,92 7059 1,44 0,98 5,56 1875 
Fokker F-50195 20800 70,00 3700 1,62 1,10 5,57 1760 
Bae Jetstream 61190 22930 78,30 3832 1,68 1,14 5,63  
CASA CN 235-100203 15100 59,10 2750 1,29 0,87 5,89 660 
ATR72-200200 21500 61,00 3536 1,83 1,24 6,33  

Tabelle 1.3.3: Strahlantrieb bei bekannter Landegeschwindigkeit

TypvLande [km/h] MLW [kg] MTOW [kg] A [m²] T [kN] cA, vAnflug cA, vStart Kr Startrollstr. errechnet [m]Startrollstr. Angabe [m] 
An-72165 26500 20500 90,00 128 2,24 1,62 0,96 523 1200 
Tornado IDS220 24000 28500 30,00 142 3,43 2,48 1,47 767 800 
VFW 614204 18600 20000 64,00 65000 1,45 1,05 1,75 1051 1325 
Global Express196 36000 42500 94,95 131 2,03 1,47 1,88 1154 1713 
Bae 146-300195 38000 44300 77,30 116 2,71 1,96 2,13 1427 1753 
B757-200244 92000 99800 185,24 363 1,74 1,26 2,26 1294 1637 
B737-200244 52000 56500 105,40 178 1,71 1,24 2,64 1604 1939 
A320-200248 66000 75500 122,60 236 1,82 1,31 2,87 1753 2179 
A300-600252 140000 170500 260,00 547 1,76 1,27 3,07 1853 2408 
B727-200226 70000 84000 157,93 207 1,80 1,30 3,15 2192 3036 
A330-200244 182000 233000 361,60 653 1,75 1,27 3,47 2235 2600 
Mirage III298 9500 13600 34,80 62,8 0,64 0,46 3,51 1867 760 
B767-300261 136000 156500 283,30 4451,46 1,06 3,51 2246 2469 
B720-030246 80000 106000 226,00 303 1,20 0,87 3,62 2311 2073 
MD-11263 195000 273300 338,91 801 1,73 1,25 4,22 2654 2926 
B747-200259 256000 363000 510,97 926 1,55 1,12 4,76 3237 3170 
Concorde292 109000 185000 358,25 677 0,74 0,53 5,05 2890 2570 
A340-300260 186000 257600 363,10 600 1,57 1,14 5,10 3685 
B707-320B252 112000 150600 268,68 320 1,36 0,98 5,11 3975 3048 
A380-800 250 383000 560000 845,00 12501,50 1,09 5,24 3928 3353 
B777-200ER285 213000 298000 427,00 801 1,28 0,92 5,37 3538 3353 

1.4 Beurteilung

Bei der Berechnung des Kr-Wertes ist nachvollziehbar, dass die Größen cAStart, Flügelfläche A, Motorleistung P und die Flugmasse m als die Größen zur Überwindung der Erdanziehung berücksichtigt werden müssen. 


1.4.1 Zur Tabelle 1.3.1

Den Berechnungen liegen jeweils die maximale Start- bzw. Landemasse zu Grunde. Dies ist insofern notwendig, da die Überziehgeschwindigkeiten gewöhnlich bei der maximalen Start- bzw. Landemasse ermittelt und angegeben werden. Dabei schneiden jedoch Flugzeuge mit einer hohen Zuladung schlecht ab, obwohl diese ein positives Prädikat erhalten sollten. Beispiel: Für den Trainer Pilatus PC-7 mit der Leermasse von 1.350 kg errechnet sich bei einer Masse von 1.900 kg (Aerobatic) ein Kr = 1,26 und bei 2.700 kg (Waffentransport) ein Kr = 1,79. Oder anders betrachtet: Eine ansonsten kurzstartfähigere Konstruktion wird auf Grund seiner positiven Eigenschaft der hohen Zuladung mit schlechterem Kr-Wert bewertet. Hätte etwa die Pilatus PC-12 das gleiche Zuladungsverhältnis der PA Super Cub von 0,44 (Zuladungsanteil am Maximalgewicht = 44 %), stiege der Kr-Wert von 1,35 auf 1,52. Korrekterweise müsste also auch das Verhältnis von Maximal- zu Leergewicht berücksichtigt werden. Geeignet wäre auch die aussagekräftige Überziehgeschwindigkeit bei Leergewicht oder bei einem für jeden Flugzeugtyp erreichbaren und fixen Zuladungsanteil von z.B. 25 %, was aber nur sehr schwer in Erfahrung zu bringen ist.

Auch erschwerend zum Erhalt eines repräsentativen Kr-Wertes sind die nicht einheitlich ermittelten Mindestgeschwindigkeiten. So sind oft nur die Mindestgeschwindigkeiten angegeben, die je nach Klassifizierung auf Grund gesetzlicher Vorgaben zu garantieren sind. UL´s beispielsweise müssen mindesten 65 km/h halten können, Motorsegler 85 km/h und die Echo-Klasse 113 km/h. Herstellerangaben beschränken sich dann oft auf die Angabe dieses Mindestwertes. Dabei geht gerade die Geschwindigkeit quadratisch und deshalb besonders stark in die Berechnung ein. Würde beispielsweise die PC-12 eine Überziehgeschwindigkeit von 100 km/h statt der angegebenen 113 km/h besitzen, änderte sich der Kr-Wert drastisch von 1,35 auf 1,06. So gesehen ist die Tabelle 1.3.1 wirklich nur unter genauester Kenntnis der Überziehgeschwindigkeiten von Bedeutung. Hier müssen auch die klimatischen Bedingungen ausgewiesen sein, sofern nicht ISA-Bedingungen zu Grunde liegen.
Des weiteren sind den Quellen nicht immer zu entnehmen, für welche Klappenkonfigurationen die Mindestgeschwindigkeiten gelten. Nach Pabst sollte die Landekonfiguration berücksichtigt sein, so, wie dies die JAR/FAR25 fordert.
Nicht immer können Angaben darüber gemacht werden, ob die erflogene Mindestgeschwindigkeit unter Schub oder ohne ihn ermittelt wurden. Die Berechnungen nach Pabst berücksichtigen diesen Faktor, weshalb die Mindestgeschwindigkeit ohne Schub eingesetzt werden müssen, wie auch nach JAR/FAR25.
Schließlich gehen in die Berechnung die Roll-, Luft- und die induzierten Widerstände nicht ein. Da die Luft- und die induzierten Widerstände mit der Geschwindigkeit überproportional zunehmen, müsste sich die Messlatte mit zunehmendem Kr-Wert annähernd exponentiell dehnen. Dies alles bleibt aber hier unberücksichtigt und so stellt der Kr-Wert nur eine einfach zu berechnende Groborientierung dar.

Relevant für die Startstrecke ist auch die Bauweise des Fahrwerks. Spornfahrwerke verleihen dem Tragflügel beim Start einen großen Anstellwinkel, der einerseits viel Auftrieb liefert, jedoch auch einen großen, induzierten Widerstand erzeugt. Ist die Motorisierung stark und überwindet sie den Widerstand schnell, so kann diese Konstellation für kurze Startwege sorgen. Das Bugfahrwerk hingegen sorgt beim Start für einen kleinen Anstellwinkel mit entsprechend kleinem Auftrieb und Widerstand. Diese Konstellation kommt einer schwachen Motorisierung entgegen, da sie das Flugzeug schneller beschleunigen lässt. Und auch die Bodenbeschaffenheit bestimmt, welche Bauweise günstiger ist. Auf Asphalt kann zweifellos das Bugradfahrwerk seinen Vorteil der besseren Beschleunigung ausspielen. Auf weichem Grund dagegen hilft das Spornradfahrwerk dem Flügel, bereits in der frühen Startphase viel Auftrieb zu erzeugen und so den Rollwiderstand des Flugzeugs bereits in der frühen Phase des Starts zu verringern.

Bei der Auswahl von Flugzeugen in Tabelle 1.3.1 ergibt sich für die Kr-Werte ein Mittel von 1,53, für die angegebenen Startrollstrecken ein Mittel von 317 m. Der Quotient ergibt, abweichend von den nach Pabst angegebenen 111 m, für Kr = 1 hier 207 m. Das ist etwa das Doppelte! Eine Anpassung der Formeln an die aktuelle Flugzeugtechnik wäre durch die Multiplikation der von Pabst empirisch ermittelten Konstante 272 mit dem Faktor 111 / 207 = 0,53, also 272 × 0,53 = 144, annähernd erfolgt. Es wurde deutlich, dass man nach diesem Kriterium heute nur noch wenige Flugzeuge als Kurzstarter bezeichnen dürfte. Dies ist nicht abwegig, da sich die Anforderungen geändert haben.
Früher, in den 40iger und z.T. noch 50iger Jahren, war die Infrastruktur der Flugplätze noch mager. Besonders Landebahnen aus Gras erforderten gute Kurzstartfähigkeiten, um dem widerstandsreichen Rollvorgang so schnell wie möglich zu entgehen. Auch die zur Verfügung stehenden Startbahnlängen waren damals geringer. Die Flugzeugbauer von heute werden hingegen aus marktwirtschaftlichen Gründen nur soviel auftriebsfördernde Maßnahmen am Fluggerät einbauen, wie gefordert wird. Das senkt die Entwicklungs- und Baukosten und auch das Strukturgewicht, um beispielsweise mehr Nutzlast aufnehmen zu können. 


1.4.2 Zur Tabelle 1.3.2

Da die Geschwindigkeitsangaben für den Anflug auf noch wackeligeren Füßen stehen als die für die Mindestgeschwindigkeiten, ist diese Tabelle noch kritischer zu betrachten als die erste. Die Ergebnisse aus Tabelle 1.3.2 unterscheiden sich von der vorherigen dadurch, dass statt der Mindestfluggeschwindigkeit vStall die Anfluggeschwindigkeit vAnflug zu Grunde gelegt wird. Hierzu wird von Pabst für den Auftriebsbeiwert im Landeanflug insgesamt 0,85 × 0,85 = 1,38-fache vom Maximalauftriebsbeiwert (bei vStall) abgezogen. Nach Loftin 1980 ist cAAnflug = cAmax. / 1,3² = 1,69 (Laut ICAO hat vAnflug = vStall × 1,3 zu betragen). Daraus resultiert, dass zur
Berücksichtigung des cAAnflug dem cAmax. 40,8 % abgezogen werden müsste, um die Angaben der Anfluggeschwindigkeiten heutiger Quellen ausreichend zu berücksichtigen. Im Ergebnis verschöbe sich dann der Kr zu noch höheren Werten.
Aktuell zugängliche Quellen halten sich nicht immer sklavisch an die ICAO-Regel. Flugkontrollzentren liegen z.B. Sammlungen vor, in denen „typische“ Anfluggeschwindigkeiten der Flugzeugmuster aufgelistet sind, um sie danach für Endanflüge staffeln zu können. Diese Angaben sind so ausgelegt, dass jedes Flugzeug seine Anfluggeschwindigkeit unter allen Bedingungen einhalten kann, also bei maximalem Landegewicht (MLW) genauso wie mit leeren Tanks und mit verschiedenen Klappenstellungen. Zudem beziehen die Angaben Geschwindigkeitsgrenzen für das Ausfahren von Fahrwerk und Landeklappen ein, kommen also rein praktischen Gegebenheiten entgegen. Die Geschwindigkeitsangaben liegen also z.T. undefinierbar über dem 1,3-fachen der vStall.


1.4.3 Zur Tabelle 1.3.3

Die Einschränkungen hinsichtlich der fehlenden Berücksichtigung von aerodynamischen Widerständen und besonders der mangelnden Vergleichbarkeit der Anfluggeschwindigkeiten gelten auch hier. Die Annahme nach Pabst, dass der cAAnflug = 0,85 × 0,85 × 0,95 = 31,3 % unterhalb des cA,max liegt, kommt der ICAO-Regel kaum näher als wie für die Propellerflugzeuge angenommen.
Bei einem mittleren Kr-Wert von 3,14 und einer mittleren Startbahnlänge von 2.228 m errechnet sich für die Probe aus Strahlflugzeugen der Kr = 1 zu 709 m, entgegen 428 m nach Pabst. Aber bei den angegebenen Startstrecken ist Vorsicht geboten. Sie beinhalten Sicherheitszuschläge von üblicherweise 1,2. Dies berücksichtigt ergibt sich eine mittlere, tatsächliche Startrollstrecke von 1.855 m und 1 Kr entspräche dann 591 m.
Eine Korrektur der Konstante von 52,3 um den Faktor 591 / 428 = 1,38 ergäbe 37,9. Damit stiege der mittlere Kr-Wert der Probe auf 4,34. Selbst eine erklärt kurzstartfähige An-72 brächte es damit nur auf einen Kr-Wert von 1,32. Eine Anpassung auf diesem Weg führt dazu, den Kr-Wert bedeutungslos werden zu lassen. Vielmehr ist schon die nach Pabst ursprünglich angegebene Konstante 52,3 nicht mehr zeitgemäß. Eine Verdopplung der Konstante auf 104,6 würde der Probe einen mittleren Kr-Wert von 1,57 bescheren. Damit gehörten wenigsten einige Kurzstreckenflugzeuge wie auch die CRJ-100 mit Kr = 0,96 gerade noch zu den Kurzstartern, was angesichts ihrer Auslegung nach heutigem Maßstab vielleicht angemessen wäre. Kr = 1 wäre dann statt 428 m mit 1.418 m gleichzusetzen. 
Vergleicht man Strahlflugzeuge der ersten (z.B. B707) und zweiten Generation (B727) mit aktuellen Entwicklungen, so sieht man sich Auftriebshilfen mit 2 bis 3-fach geschlitzten mit einfach geschlitzten Klappen (A380) gegenüberstehen. Neben der entsprechenden Infrastruktur trägt heute auch das trotz immer weiter zunehmendem Startgewicht gestiegene Schub/Gewichtsverhältnis moderner Flugzeuge zu dieser Entwicklung bei, das beim Start und bei der Landung, nämlich im Falle des Durchstartens, den Bedarf an Auftriebshilfen reduziert.

Deutlich wird in der Tabelle auch, wie sehr sich Flugzeuge ein und desselben Typs hinsichtlich ihrer Kurzstartfähigkeit unterscheiden können. Zu nennen wäre beispielsweise die vom Langsteckenflugzeug B707 abgeleitete Mittelstreckenversion B720. Doch dies hat keine grundlegenden konstruktiven Ursachen, sondern die, dass für die B707 einfach ein höheres maximales Startgewicht zur Unterbringung der für Interkontinentalflüge erforderlichen Kraftstoffmengen erlaubt wird. Damit erklärt sich auch, dass besonders die Langstreckenmuster, vornehmlich Vierstrahler, einen ungünstigen Kr-Wert besitzen. Würde man sie nur mit der Kraftstoffmenge betanken, wie sie ein Mittel- oder Kurzstreckenflugzeug fasst, ergäbe sich ein günstigeres Bild, wenngleich Vierstrahler niemals das Schub/Gewichtsverhältnis eines Zweistrahlers erreichen (der geforderten Schubreserven wegen beim Ausfall eines Triebwerks).

1.5 Fazit

Sollten die korrekten Angaben für Anflug- oder Mindestgeschwindigkeit - unter Berücksichtigung vergleichbarer Rahmenbedingungen  - zu Grunde liegen, so stellt der von Papst eingeführte Kr-Wert ein wertvolles Instrumentarium dar, um die Kurzstartfähigkeit eines Flugzeuges zu beurteilen.

Für eine bessere Beurteilung der Kurzstartfähigkeit sollte aber m.E. nach eine Art Bonus dafür vergeben werden, dass trotz entgegenstehender Rahmenbedingungen eine bestimmte Kurzstartfähigkeit erzielt wird. Den Auftrieb und damit die Kurzstartfähigkeit begünstigend ist der cA-Wert, die Flügelfläche und die Motorleistung, abträglich hingegen die Flugmasse. Sollte es einer Flugzeugkonstruktion aber gelingen, trotz höherer Masse den Startrollweg beizubehalten oder gar zu verkürzen, wäre dies ein konstruktives Merkmal eines Kurzstarters und sollte in den Formeln mit einem kleiner werdenden Kr-Wert positiv bewertet werden. Der von Papst eingeführte Kr-Wert sieht dies nicht vor.

Es ist eine Frage der Philosophie, ob die Kr-Messlatte verschoben werden sollte oder nicht. Wie zur Tabelle 1.3.1 ausgeführt, zeigt sich bei unveränderten Parametern (d.h. nach Papst) für den Kr-Wert die technische Entwicklung der Flugzeuge am deutlichsten. Dies unterstreicht auch der Quotient aus angegebener zu errechneter Startrollstrecke der Flugzeuge mit Strahlantrieb, der mit 1,11 näherungsweise dem Sicherheitszuschlag nach JAR/FAR von 1,2 entspricht. Möchte man hingegen eine Anpassung durchführen, d.h. die Messlatte für die Anforderungen an Kurzstarter nach heutigem Maßstab verschieben und auch weiterhin den „magischen“ Kr-Wert von 1,0 als Kriterium zur Kurzstartfähigkeit nutzen, wäre eine Konstante um 100 für Propellerflugzeuge sinnvoll.

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2. Verhältnis von Startrollstrecke zu Startstrecke und von Landerollstrecke zu Landestrecke

2.1 Verhältnis von Startrollstrecke zu Startstrecke

Die Startrollstrecke ist in seiner Bedeutung wörtlich zu nehmen. Die Rahmenbedingungen sind ISA (Internationale Standardatmosphäre), maximal zulässige Startmasse und eine asphaltierte, nicht geneigte Startbahn.
Die Startstrecke TOD (take off distance) wird unter gleichen Rahmenbedingungen ermittelt, jedoch ist sie die horizontale Entfernung vom Startpunkt aus gesehen bis zu dem Punkt, an dem das Flugzeug eine Flughöhe von 11 Metern und die vorgegebene Steigfluglage erreicht hat. Also: Bodenrollstrecke + Steigflugstrecke.

Aus den 139 Werten 1- und 2-motoriger Sport- und Business-Propellerflugzeugen aus verschiedensten Quellen sind die Daten von Start- und Startrollstrecke gemittelt worden. Danach ergibt sich folgendes Ergebnis:

arithmetischer Mittelwert der Startrollstrecken: 324 m,
arithmetischer Mittelwert der Startstrecken: 532 m

Mit dem Korrelationskoeffizienten von 0,942 und dem Bestimmtheitsmaß R² von 0,886 zeigt sich eine sehr hohe Gleichheit aller Flugzeugtypen in Bezug auf das Verhältnis von Startrollstrecke zu Startstrecke. Bei Betrachtung des Diagramms verstärkt sich jedoch der Verdacht, dass ein erheblicher Anteil der Angaben rechnerisch ermittelt wurde. Es zeigt sich eine Gerade mit größer Steigung als die sich aus allen Werten ergebende Trendlinie (durchgezogen).

Aus Startstrecke und Startrollstrecke bildet sich der Quotient von 1,64. Das heißt, im Mittel nimmt die Übergangsphase zwischen Abheben und der Flughöhe von 11 m 39 % der Startstrecke ein. Dieser Wert lässt sich in der Praxis nur durch Erhöhung der Überziehgefahr unterschreiten. Mit geringerer Startmasse sinkt die Strecke für die Übergangsphase ebenso wie die Startrollstrecke.
Da sich der gesamte Startvorgang bei geringerer Startmasse auf einem geringfügig niedrigeren Geschwindigkeitsniveau abspielt (weniger Auftrieb erforderlich), findet die Übergangsphase bei geringerem Luftwiderstand statt. Und da der Luftwiderstand quadratisch mit der Geschwindigkeit zunimmt, bewirkt das geringere Geschwindigkeitsniveau besonders in dieser Übergangsphase eine überproportionale Reduzierung des Luftwiderstandes.
Andererseits wirkt sich gerade in der Startrollphase die geringere Massenbeschleunigung in Verbindung mit dem dabei noch geringen Luftwiderstand deutlicher verkürzender aus als in der späteren, auf Grund des zunehmenden Luftwiderstandes geringeren Beschleunigung. Im Wesentlichen bleibt also bei reduzierter Abflugmasse der prozentuale Anteil von Startrollstrecke und Übergangsphase an der Startstrecke erhalten.

Auf Grund der hohen Korrelation kann das Ergebnis auch auf weitere Propellerflugzeugtypen übertragen werden. Nach JAR/FAR25 über 35 ft beträgt der Quotient 1,25 für Propellerflugzeuge.
Für Strahlgetriebene Flugzeuge ist aber der Teil der Startrollstrecke höher anzusetzen, da sie besonders in den niedrigsten Geschwindigkeiten im Gegensatz zu Propellerantrieben über einen recht uneffizienten Antrieb verfügen (hohe Strahlgeschwindigkeit, geringer Massendurchsatz). Anders herum verkürzt sich der Anteil der Übergangsphase an der Startstrecke nicht nur prozentual wegen der schwachen Beschleunigung beim Startrollvorgang, sondern auch absolut wegen des sich mit der Geschwindigkeit zunehmend umkehrenden Effizienzverhältnisses von Strahl- zu Propellerantrieb zu Gunsten des Strahlantriebes. FAR über 35 ft gibt für Strahlflugzeuge einen Quotienten von 1,11 an.


2.2 Verhältnis von Landerollstrecke zu Landestrecke

Die Landestrecke setzt sich aus zwei Teilstrecken zusammen: Der Übergangsstrecke, in der sich das Flugzeug aus einer Höhe von 50 ft (15 m) bis zum Aufsetzpunkt bewegt und der Landerollstrecke, die vom Aufsetzpunkt bis zum Stillstand des Flugzeug gemessen wird. Dies gilt unter der Annahme von ISA-Bedingungen.

Wegen der nicht genau einhaltbaren Aufsetzzone dürfen Flugzeuge nach JAR/FAR25 nur auf Landeplätzen landen, die dem 1 / 0,6 = 1,667-fachen bei Strahlflugzeugen bzw. dem 1 / 0,7 = 1,428-fachen bei Propellerflugzeugen der tatsächlichen Landestrecke entsprechen. Dies ist die sog. Sicherheitslandestrecke, die hier aber nicht weiter interessieren soll.

Über der 50 ft-Marke muss die Anfluggeschwindigkeit das 1,3-fache der Abreisgeschwindigkeit vStall betragen, am Aufsetzpunkt das 1,1-fache. vStall ist die Abreißgeschwindigkeit in Landekonfiguration.

Die Untersuchung von 278 1- und 2-motorigen Propellerflugzeugen aus verschiedensten Quellen ergaben eine

mittlere Landerollstrecke von 246 m
mittlere Landestrecke von 467 m.

Der Korrelationskoeffizient von 0,833 spricht für eine deutliche Übereinstimmung zwischen den Flugzeugmustern.
Der Quotient von 1,99 zeigt, dass die Landerollstrecke im Mittel recht genau der Hälfte der Landestrecke entspricht oder anders ausgedrückt: Die Übergangsphase nimmt die gleiche Strecke ein wie die Landerollphase.
Der vergleichsweise lange Anteil der Übergangsphase erklärt sich dadurch, dass hierin ein Geschwindigkeitsbetrag von 1,3 – 1,1 = 0,2 × vStall allein durch aerodynamische Abbremsung abgebaut werden muss, während gleichzeitig noch ein “beschleunigender” Sinkflug herrscht.

3. Rückstromklappen

Neben den bekannten Auftriebshilfen wie etwa den Landeklappen oder den Vorflügeln gibt es eine, die sich bislang nicht technisch durchsetzen ließ: Rückstromklappen. Dabei ist deren Wirksamkeit zur Reduzierung der Fluggeschwindigkeit und damit der Landestrecke bedeutend.

Rückstromklappen sind Vögeln naturgegeben. Eigentlich müssten sie ihrer Funktion entsprechend Rückstromverhinderungsklappen heißen. Sie bestehen aus Federn auf der Flügeloberseite, die sich bei hohem Auftriebsverhältnis, meist bei hohen Anstellwinkeln infolge der Strömungsablösung in deren Sog selbsttätig aufstellen und so weitere Ablösung verhindern. Der Aufstellwinkel der Federn passt sich innerhalb der Druckverhältnisse automatisch soweit an, dass die Federn gerade die freie Strömung des vorderen Flügels berührt.
Die Energie respektive die Geschwindigkeit der Grenzschicht nimmt mit der Lauflänge der Strömung auf der Flügeloberseite ab, sie trifft hier zunehmend auf steigenden Druck. Der Druck ist bei hohen Anstellwinkeln besonders hoch und kann an den Wert der Umgebungsluft grenzen. Deutlich vorher aber beginnt sich die Strömung von der Oberseite der Flügelhinterkante schon abzulösen, da die Grenzschicht nicht mehr schnell genug ist. Die Grenzschichtdicke lässt sich mit 

d / l = 1 / wurzel(Re)

abschätzen. d ist die Luftdichte und standardmäßig auf Meeresniveau 1,225 kg/m³. Eine Steigende Re-Zahl verringert die Grenzschichtdicke, was durch höhere Geschwindigkeit und größere Flügeltiefe erreicht wird. 
Das Anheben der Feder geschieht durch die beginnende Rückströmung an der Hinterkante, die mit der Ausbreitung nach vorn unter die Feder strömt, dort einen Bereich höheren Drucks erzeugt, was die Feder i.V. mit geringerem statischen Druck in der noch nicht abgelösten Strömung der Flügeloberseite aufrichtet. Die Wirkung erliegt erst, wenn sich die Rückströmung über den Federfußpunkt hinweg nach vorn ausbreitet.

Bei der technischen Realisierung sollte der Fußpunkt S etwa dort liegen, wo ohne Klappe die Grenze des Rückstromgebiets liegt, wenn der Flügel seinen maximal fliegbaren Anstellwinkel aufweist.
Der Auftriebsgewinn, der trotz leichter Widerstandszunahme mit 6 % – 18 % angegeben wird, entsteht durch Teilung des Wirbelsystems, das in seiner Gesamtintensität vermindert wird (der Ablösebereich vor und hinter der Feder sind in ihrer Summe kleiner als derjenigen ohne Klappe). Dabei wird die Tiefe t der nicht abgelösten Strömung vergrößert, d.h. liegt über eine längere Strecke auf der Oberseite des Flügels an.
Der Ausschlag der Feder führt durch die Verminderung des effektiven Anstellwinkels zwar zu einer Entwölbung des Profils, aber eben auch zu einer Verzögerung der Strömungsablösung.

Technisch gesehen ist die Realisierung eines Rückstromklappensystems nicht einfach. Die Klappe muss leichtgängig genug sein, um sich spontan bei entsprechenden Druckverhältnis aufzurichten, aber ausreichend Rückstellkraft besitzen. Bei praktischen Versuchen an einer Me109 Ende der 30iger Jahren wand man Lederklappen an. Das bis heute nur schwer lösbare Problem ist die zu große Hysterese zwischen Anheben und Senken.

Was den Vogel fliegerisch so überlegen macht, ist die Tatsache, dass weite Teile des Flügels aufstellfähige Federn besitzen. In Verbindung mit auch kaum von mechanischen Einschränkungen unterworfenen Federn, etwa der Hysterese, bietet der Flügel ein Klappensystem von maximaler Effektivität, denn die Federn richten sich nur dort auf, wo es die Druckverhältnisse wirklich erfordern. Über die Spannweite betrachtet liegen nämlich nie einheitliche Strömungsverhältnisse an. So beugt der Vogelflügel auch wirksam unsymmetrischen, rollmomenterzeugenden Auftriebsverteilungen vor.

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4. Bewertungsindex für Flugzeuge


Flugzeuge erfüllen einen bestimmten Zweck. Der ist grundsätzlich der Transport von Personen oder Gütern. Dabei kann das Augenmerk kompromisslos auf maximale Nutzlast, dieses unter Kompromiss auf Wirtschaftlichkeit und/oder Geschwindigkeit bishin zum Sportgerät gelegt sein. Eine einzige, alle Kriterien einbeziehende Bewertung für Flugzeuge ist mit einem einzigen Wertemaßstab nicht möglich. Meist sind Flugzeuge, die bei einer Bewertung der Flugleistung gut abschneiden, in Sachen betriebstechnischer Wirtschaftlichkeit oder Zuladung fast zwangsläufig schlechter. Die Flugzeugkonstruktion erfordert eben Kompromisse. Demnach kann sich ein Bewertungsindex sinnvoll auch nur jeweils auf eines dieser Kriterien beziehen. Im Folgenden sollen drei Bewertungsmaßstäbe entwickelt werden, die, wie sich zeigen wird, trotz ihrer Einfachheit recht treffend Flugzeuge klassifizieren.


4.1 Leistungsindex IP

Die Formel eines Leistungsindex war wie folgt gegeben:

 mMasse in kg, sinnvollerweise für maximales Startgewicht (Maximal Take Off Weight = MTOW) 
 AFlügelfläche in m² 
 Pmaxmaximale Motorleistung in Höhe Null 
g reduzierter Faktor der Reiseflugleistung in der Flughöhe, z.B. 0,75 für 75%. Gamma = d0 / d
d0 Luftdichte in Höhe Null = 1,225 kg/m³ 
dh  Luftdichte entsprechend der Höhe h 

Der Leistungsindex IP soll einen Vergleich der Leistungsfähigkeit von Flugzeugen ermöglichen. Dabei soll die
Auslegung des Konzeptes zum Ausdruck kommen und nicht allein die durch die Antriebsleistung bestimmte Flugleistung. In folgender Formel fallen die beiden Quotienten m / A (Flächenbelastung) und m / Pmax (Leistungsbelastung) auf.
Durch Umstellen lässt sich die Formel leicht vereinfachen, indem die Masse herausgekürzt wird. So gesehen ist die Berücksichtigung der Flächen- und Leistungsbelastung eine Mogelpackung. Sie geht in die weitere Betrachtung garnicht mit ein:

IP = 3.wurzel(g × P × d0 / (A × dh))

Bei nichtaufgeladenen Kolbenmotoren nimmt die Motorleistung mit der in der Höhe abnehmenden Luftdicht ab.

 FlughöheLuftdichte Gamma
 0 m1,225 kg/m³ 1,00
 3050 m 0,904 kg/m³ 0,75
 7620 m 0,549 kg/m³ 0,45
 11000 m 0,364 kg/m³ 0,30

So ist das Verhältnis d0 / dh umgekehrt proportional zu g, womit sie sich in der Formel aufheben. Aus der Eingangs erwähnten Formel bleibt also die folgende übrig:

IP = 3.Wurzel(P / A).

Hierraus ist leicht die Abhängigkeit des IP allein von der gegebenen Antriebsleistung und von der Auftriebsfläche zu sehen. Die Bedeutung des IP ist damit klar: Eine hohe Motorleistung sowie eine kleine Flügelfläche führt zu einer hohen Flugleistung im Sinne von Fluggeschwindigkeit. Ob ein Flugzeug dabei über besondere Fähigkeiten wie etwa hohe Zuladung oder Kurzstartfähigkeiten verfügt, geht nicht aus dem IP hervor.
Flugzeuge mit Turbo- oder Kompressor-Kolbenmotoren und Turboprop-Antrieben werden stark von der Auslegung ihrer Antriebe geprägt. So sind sie dafür bekannt, dass sie bis in eine bestimmte Höhe nicht von Beginn an kontinuierlich an Leistung verlieren. Dennoch nimmt die Leistung eines Kolbenmotors schließlich ab einer bestimmten Höhe doch ab. Bei welcher Höhe dies geschieht, hängt von der Leistung des Laders ab und ist recht unterschiedlich. Somit beeinflusst der konkrete Antrieb den IP sehr.
Flugzeuge mit Strahltriebwerken lassen sich untereinander genauso vergleichen, wie Propellerflugzeuge. Vergleiche zwischen Strahl- und Propellertriebwerken sind jedoch schwer möglich, da für die Propellerflugzeuge ein Schubäquivalent gefunden werden müsste, wenn nicht gemessene Schubwerte vorliegen.


4.2 Ökonomischer Index IE

Geringer Kraftstoffbedarf ist ein ökonomischer Faktor. Der strecken- und flugmassenspezifische Kraftstoffbedarf wird grundsätzlich durch eine hohe aerodynamische Güte reduziert. Der IE trägt dem flugmassenspezifischen Kraftstoffbedarf Rechnung, indem im Zähler folgender Formel nicht nur die Motorleistung, sondern auch das Leistungsgewicht m / P eingesetzt wird.

IE = 3.Wurzel((MTOW / P) / A)

Bei einer geringen Antriebsleistung darf prinzipiell von einem geringen, zeitspezifischen Kraftstoffbedarf ausgegangen werden. Angesichts des bekannten Durstes einer Propellerturbine - trifft dies umso mehr zu, wie die untere Leistungsklasse üblicherweise den Kolbenmotoren, die obere Leistungsklasse den Propellerturbinen zugeordnet werden kann. Wenn bei geringem Verhältnis von Antriebsleistung zu Gewicht (vereinfacht gesagt: bei schwacher Motorisierung) gute Flugleistungen erreicht werden, so muss der aerodynamische Widerstand entsprechend gering sein.

4.3 Zuladungsindex IL

Der Zuladungsindex soll bewerten, wie effektiv das Flugzeug Lasten trägt. Schließlich ist ein Flugzeug ein Transportmittel. Begünstigend ist eine große Flügelfläche bei geringer Antriebsleistung, deshalb steht dieses Verhältnis im Zähler. Des Weiteren steht dieses Verhältnis zur maximalen Nutzlast (maximal Payload = MPL = MTOW – OEW), sodass sich eine hohe Nutzlast (Transportnutzen) bei geringer Leistung (ökonomischer Nutzen) zur positiveren Bewertung als bei hoher Leistung führt. Damit geht die Effizienz der Konstruktion in die Bewertung ein.

IL = 3.Wurzel((A / P) / MPL)


4.4 Vergleich

Zum Vergleich sollen eine Auswahl von insgesamt 65 ein- und zweimotoriger Propellerflugzeuge betrachtet werden. Dabei ist versucht, die Bewertungen einer ausgewogenen Auswahl von Flugzeugen der Art „rassig“, „Brot-und Butter“ und „Lastesel“ sowie verschiedener Größengattungen gegenüber zu stellen.

TypP [kW]OEW [kg]PL [kg]MTOW [kg]vNO [km/h]A [m²]IPIEILMTOW / OEW
B200 Super King Air1250339422765670 528 28,18 3,54 0,54 3,72 1,67 
Beech Duke B60560 1998 1075 3073 455 19,78 3,05 0,65 3,36 1,54 
BN-2B-26 Islander382 1866 1128 2994 327 30,19 2,33 0,64 4,47 1,60 
C-172 Skyhawk119 745 366 1111 226 16,17 1,95 0,83 3,68 1,49 
C208B Caravan 503 1861 2108 3969 337 25,96 2,69 0,67 4,77 2,13 
CN-235-100 2750 9800 5282 15082 454 59,10 3,60 0,45 4,84 1,54 
DA20-C1 92 529 221 750 259 11,61 1,99 0,89 3,03 1,42 
DA42 TDI 198 1250 450 1700 303 16,46 2,29 0,80 3,34 1,36 
DHC-6 Twin Otter912 3336 2289 5625 300 39,02 2,86 0,54 4,61 1,69 
Do 28-D2 568 2328 1687 4015 289 29,50 2,68 0,62 4,44 1,72 
Do 228-20 1052 3066 2634 5700 432 32,00 3,20 0,55 4,31 1,86 
Do 328-110 3205 8176 5464 13640 659 40,00 4,31 0,47 4,09 1,67 
 Extra E500336 1360 640 2000 417 14,26 2,87 0,75 3,01 1,47 
Grob G115E 134 690 300 990 250 12,21 2,22 0,85 3,01 1,43 
Grob G140TP 334 1130 670 1800 407 13,30 2,93 0,74 2,99 1,59 
PA-18 Super Cub 110 442 345 787 208 16,58 1,88 0,76 3,73 1,78 
PA-28-181 134 766 390 1156 237 15,79 2,04 0,82 3,58 1,51 
PC-12/45 1197 2600 1900 4500 500 25,81 3,59 0,53 3,45 1,73 
PC-6 Turbo Porter 409 1270 1530 2800 232 30,15 2,38 0,61 4,83 2,20 
Commander 115 194 953521 1474 346 14,12 2,40 0,81 3,36 1,55 
Saab 2000 6692 12701 10099 22800 685 55,74 4,93 0,39 4,38 1,80 
SF 25C 2000 58 375 275 650  17,46 1,49 0,86 4,36 1,73 
TB20 Trinidad 184 867 533 1400 301 11,90 2,49 0,86 3,25 1,61 
TBM700 C1 522 2075 909 2984 555 18,00 3,07 0,68 3,15 1,44 
Zenith STOL CH801  134 522 476 998 19315,51 2,05 0,78 3,81 1,91 

vNO ist die maximale Geschwindigkeit, bei der noch alle Manöver durchgeführt werden dürfen.


4.5 Bewertung

Dem Bewertungsindex liegen hier nur vier Parameter zu Grunde: Die Antriebsleistung, die Flügelfläche, das Fluggewicht (hier als maximales Startgewicht zugrunde gelegt) sowie die maximale Zuladung. In ihr ist die Kraftstoffmenge enthalten. Dies erscheint für die  Bewertung  eines Flugzeuges zunächst ungenügend. Dabei wird die Fluggeschwindigkeit, ein wesentlicher Faktor bei der Beurteilung, allein durch die Flügelfläche dargestellt. Das ist jedoch nicht abwegig, so lange man den Flügeln zum Vergleich gleiche Grundrisse, Profile und damit gleiche Auftriebsbeiwerte unterstellt. Dann nämlich erfordert eine kleinere Tragfläche zwangsläufig eine höhere Geschwindigkeit zur Aufrechterhaltung der Auftriebkraft.
Folgende maßgeblichen Zusammenhänge haben sich ergeben:

hoher IP = hohe Antriebsleistung + kleine Tragfläche

hoher IE = hohe Gewichtsbelastung + kleine Fläche

hoher IL = hohe Nutzlast + große Flächen

Bei der Berteilung des IL ist zu beachten, wieviel ein Flugzeug jeweils für Kraftstoff und reine Nutzlast zulässt. Bei kleinen Sportflugzeugen sind diese Werte austauschbar, d.h., alles, was nicht getankt wird, steht als Nutzlast zur Verfügung. Bei größeren Flugzeugen ist dies nicht mehr so.

Betrachtet man die Korrelation der insgesamt 65 Flugzeuge beispielsweise zwischen IE und IP (siehe Grafik), so fällt der hier beschriebene Zusammenhang deutlich auf und zeigt, dass sich Flugzeugkonstruktionen tatsächlich zwischen Kompromissen bewegen. Die eingangs erwähnte, gegenseitige Ausschließung von hohem IP und IE drückt sich mit einer Korrelation von -0,82 aus, wie der Grafik zu entnehmen ist.

Wie zu erwarten punkten beim IL Heißsporne wie die B200 und PC-12 hoch. Lastesel und Brot- und Butter-Flugzeuge wie eine C-172 oder eine PA-28 werden hier gering bewertet. Dafür bewertet der IE die so genannten „Brot- und Butter-Flugzeuge“ am höchsten. Für sie stehen entsprechend ihrer Klientel „bezahlbare“ Flugzeuge mit verbrauchsgünstigen Antrieben im Vordergrund. Mit Ihnen soll, meist auf Kosten der Geschwindigkeit, möglichst viel Nutzmasse bewegt werden können. Aerodynamische Qualität wirkt sich hier in besonderem Maße aus.

Zum IL: Der Quotient aus dem maximalen Startgewicht und dem Betriebsleergewicht (siehe Tabelle, letzte Spalte) bietet mit dem Korrelationskoeffizienten von 0,56 ein ähnliches Bild, womit der IL auch recht gut die Leichtbauqualitäten der Konstruktion repräsentieren. Erkennbar sind sofort die besonders hohen IL-Werte der reinen Transportflugzeugen - was nicht verwundern dürfte, so z.B. die BN-2B-26, CN-235, Do-28, C208B, DHC-6 und der PC-6 Turbo-Porter.  Interessanterweise - aber auch nicht überraschend, zählen die Flugzeuge mit hohem IL fast ausnahmlos zu den Kurzstartern.

Der Bewertungsindex ist also m.E. durchaus eine brauchbare Methode, ein- und zweimotorige Flugzeuge unterhalb der Größe von Linienflugzeugen treffend zu bewerten und zu klassifizieren.

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